Bruchzeichen der Biologie: Von Reißzähnen, Ranz und Sohlengängern
Ein leises Knacken im Unterholz, der Wind dreht sich, und plötzlich spürt man diesen instinktiven Respekt vor der Dunkelheit: In dieser Folge wechseln Falk und Ronja die Seiten. Wir verlassen die Welt der Gejagten und widmen uns den faszinierendsten Beutegreifern unserer Breiten – dem Haar- und Raubwild. Im Zentrum dieser Episode stehen die Hundeartigen und die Bären. Wir analysieren das hochkomplexe Sozialgefüge des Wolfes, blicken auf die unglaubliche Anpassungsfähigkeit des Fuchses und klären auf, warum der gewaltige Braunbär trotz seiner Masse zu achtzig Prozent Vegetarier ist. Erfahren Sie, wie man den geschnürten Trab in der Fährte liest, was es mit dem mörderischen Reißzahn auf sich hat und warum ausgerechnet der winzige Waschbär im Ökosystem oft mehr Schaden anrichtet als der mächtigste Wolf. Eine tiefe, biologische Reise in die Welt der Ranz, der Keimruhe und der perfekten Jäger. Waidmannsheil!
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Chapter 1
Bruchzeichen der Biologie: Von Reißzähnen, Ranz und Sohlengängern
Falk Stein
Wenn die Dämmerung in die Nacht übergeht, Ronja, verändert sich der Wald komplett. Das Schwarzwild, über das wir letztes Mal gesprochen haben, verlässt jetzt die Einstände. Aber mit der Dunkelheit erwachen auch Tiere, die nicht brechen oder äsen. Tiere, die geräuschlos über den Waldboden schnüren und jagen.
Ronja Wildner
Wir wechseln die Seiten! Vom Schalenwild zu den Beutegreifern. Zum Raubwild. Das ist eine völlig andere biologische Welt. Keine Geweihe, keine Pansen, keine Fluchtinstinkte. Wir sprechen heute über hochspezialisierte Jäger. Über die Hundeartigen und die Bären.
Falk Stein
Und wenn wir über Hundeartige sprechen, müssen wir mit dem Meister der Anpassung beginnen. Dem Rotfuchs. Wenn du dir das Gebiss des Fuchses ansiehst, hast du den perfekten Bauplan eines Raubtiers vor dir. Zweiundvierzig Zähne. Oben und unten diese messerscharfen, spitzen Eckzähne, die wir in der Jägersprache Fangzähne nennen.
Ronja Wildner
Zweiundvierzig Zähne, das ist fast soviel wie beim Schwarzwild. Aber der Fuchs wiegt ja nur einen Bruchteil. Ein ausgewachsener Rüde bringt gerade einmal sechs bis zehn Kilogramm auf die Waage, die Fähe ist mit fünf bis acht Kilogramm noch leichter. Trotzdem ist er überall. Vom Hochgebirge bis mitten in unsere Städte.
Falk Stein
Er ist der absolute Kulturfolger und ein extremer Opportunist. Er frisst einfach das, was am leichtesten zu haben ist. Seine Hauptnahrung sind ganz klar Mäuse. Aber er nimmt auch Jungwild, Aas, Obst oder eben unsere Abfälle. Und wenn wir im Schnee oder im weichen Schlamm nach ihm suchen, verrät er sich durch eine ganz typische Fortbewegung. Den geschnürten Trab.
Ronja Wildner
Das Schnüren! Das sieht aus, als würde der Fuchs auf einer unsichtbaren, geraden Linie laufen. Er setzt die Hinterpfoten exakt in die Abdrücke der Vorderpfoten. Man sieht deutlich die Krallen, anders als bei Katzen. Aber Falk, was beim Fuchs biologisch wirklich spannend ist, ist die Fortpflanzung. Die Paarungszeit, die wir Ranz nennen, fällt ja mitten in den tiefsten Winter.
Falk Stein
Genau, Januar und Februar. Man hört dann oft dieses heisere Bellen durch die kalten Nächte hallen. Und jetzt kommt ein ganz wichtiger Unterschied zum Rehwild oder zum Dachs: Der Fuchs hat keine Keimruhe. Nach der Ranz dauert die Tragzeit ziemlich genau fünfzig bis dreiundfünfzig Tage. Das bedeutet, die Fähe bringt ihre Welpen bereits im März oder April zur Welt. Meist sind es drei bis sechs Welpen, die völlig blind im Fuchsbau geboren werden. In den ersten Wochen weichen sie ihrer Mutter nicht von der Seite und bleiben fest im schützenden Bau. In dieser Zeit übernimmt der Rüde eine ganz entscheidende Rolle: Er zieht unermüdlich los und trägt die Nahrung für die Fähe heran, damit sie den Bau nicht verlassen muss.
Ronja Wildner
Jagdlich gesehen bejagen wir den Fuchs aus mehreren Gründen. Wir nutzen die Ansitzjagd, die Reizjagd mit der Hasenklage oder dem Mäuseln, und natürlich die Baujagd. Das tun wir einerseits, um das Niederwild und Bodenbrüter zu schützen, aber auch aus gesundheitlichen Aspekten. Der Fuchs ist Überträger von Staupe, der Räude und dem gefährlichen kleinen Fuchsbandwurm.
Falk Stein
Zum Glück ist die Schweiz offiziell tollwutfrei. Das war früher ein riesiges Problem. Aber wo wir bei den Hundeartigen sind, müssen wir eine Stufe nach oben gehen. Zum absoluten Spitzenprädator, der in unsere Wälder zurückgekehrt ist. Dem Wolf.
Ronja Wildner
Der Wolf. Wenn wir den Fuchs mit seinen acht Kilogramm sehen, wirkt der Wolf mit fünfunddreißig bis fünfzig Kilogramm bei den Rüden wie ein Riese. Die Fähen wiegen immerhin noch dreißig bis vierzig Kilo. Und das Gebiss ist eine absolute Waffe. Er hat ebenfalls zweiundvierzig Zähne, aber er besitzt echte Reißzähne.
Falk Stein
Richtig. Diese Reißzähne werden im Oberkiefer durch den vierten Prämolaren und im Unterkiefer durch den ersten Molaren gebildet. Sie wirken wie eine gewaltige Knochenschere. Ein Wolf ist ein reiner Fleischfresser. Er jagt primär unsere Huftiere, also Hirsch, Reh, Gämse und Wildschwein. Leider aber eben auch ungeschützte Nutztiere wie Schafe und Ziegen.
Ronja Wildner
Wenn man eine Wolfsfährte findet, wird sie oft mit der eines großen Hundes verwechselt. Auch der Wolf schnürt oft im Trab. Aber seine Pfote ist deutlich länglicher als beim Hund. Und die beiden mittleren Zehenballen stehen weiter vorne und enger beisammen. Man kann oft ein gedankliches X durch die Fährte ziehen.
Falk Stein
Und wenn man eine Fährte findet, sind da oft noch mehr. Wölfe haben ein hochkomplexes Sozialgefüge. Das Rudel. Viele denken bei einem Rudel an eine zufällig zusammengewürfelte Jagdgemeinschaft. Aber biologisch ist ein Wolfsrudel eigentlich nichts anderes als eine Familie. Es besteht aus dem Elternpaar und den Jungtieren der letzten ein bis zwei Jahre.
Ronja Wildner
Die Jährlinge helfen bei der Aufzucht des neuen Wurfs und wandern dann meist ab dem zweiten Lebensjahr ab, um eigene Reviere zu finden. Die Fortpflanzung ähnelt der des Fuchses. Die Ranz ist im Februar und März. Auch der Wolf hat keine Keimruhe. Nach knapp dreiundsechzig Tagen, also neun Wochen, werden im April oder Mai vier bis sechs Welpen geboren.
Falk Stein
Jagdlich gesehen hat der Wolf einen völlig anderen Status als der Fuchs. Er ist durch die Berner Konvention und das Schweizer Jagdgesetz streng geschützt. Eine Bestandsregulation durch die Kantone ist nur unter extrem strengen Auflagen möglich. Es müssen klare Schadensschwellen bei Nutztieren überschritten sein, und die Schutzmaßnahmen müssen nachweislich unzumutbar oder wirkungslos gewesen sein. Das ist ein ständiges, hochgradig emotionales Spannungsfeld.
Ronja Wildner
Absolut. Aber neben Fuchs und Wolf haben wir in Mitteleuropa noch einen dritten Hundeartigen, der oft übersehen wird, weil er eigentlich gar nicht hierher gehört. Der Marderhund.
Falk Stein
Ein klassisches Neozoon. Ursprünglich stammt der Marderhund aus Ostasien und breitet sich bei uns aus. Er wiegt zwischen vier und zehn Kilogramm und sieht auf den ersten Blick fast aus wie ein kleiner Waschbär, weil er auch so eine maskenartige Gesichtszeichnung hat. Aber beim Marderhund ist diese Maske auf der Nase unterbrochen. Und sein kurzer, buschiger Schwanz hat keine Ringe.
Ronja Wildner
Was ich beim Marderhund biologisch total faszinierend finde: Er ist der einzige Hundeartige, der eine Winterruhe hält! Im Herbst frisst er sich enorme Fettreserven an und wiegt dann am meisten. Den Winter verbringt er in Bauen oder dichten Verstecken. Er hält keinen echten Winterschlaf, aber er fährt seine Aktivität massiv herunter.
Falk Stein
Seine Fortpflanzung ist wieder typisch hundeartig. Ranz im Februar und März, sechzig Tage Tragzeit, keine Keimruhe. Im April oder Mai kommen fünf bis acht Welpen zur Welt. Als Neozoon ist er bei uns ganzjährig jagdbar, natürlich unter Einhaltung des Elterntierschutzes während der Aufzucht. Er ist ein Allesfresser, der oft in feuchten, schilfreichen Gebieten lebt und Gelege von Bodenbrütern plündert.
Ronja Wildner
Wir haben jetzt die Hundeartigen durch. Aber es gibt da noch eine Raubtierfamilie, die eine ganz andere Präsenz im Wald hat. Die Bären. Und da haben wir unseren absoluten Giganten, den Braunbären.
Falk Stein
Der Braunbär. Wenn wir vorhin beim Wolf von fünfzig Kilogramm gesprochen haben, dann müssen wir unser Bild jetzt massiv nach oben korrigieren. Ein ausgewachsener Braunbär wiegt zwischen einhundertfünfzig und dreihundert Kilogramm! Das ist gewaltig. Sein Gewicht ist extrem jahreszeitenabhängig, weil er vor der Winterruhe massiv Speck ansetzt.
Ronja Wildner
Aber trotz dieses gewaltigen Gewichts und seines furchteinflößenden Allesfressergebisses mit zweiundvierzig Zähnen, wuchtigen Eckzähnen und mahlenden Backenzähnen, ist er gar kein reiner Fleischfresser, oder?
Falk Stein
Ganz und gar nicht. Der Braunbär ist ein ausgeprägter Opportunist, aber seine Nahrung besteht zu siebzig bis achtzig Prozent aus Pflanzen! Er frisst Gräser, Beeren, Baum-Mast und gräbt nach Wurzeln. Dazu kommen Insekten, Aas und nur gelegentlich Huftiere. Er braucht riesige, störungsarme Waldgebiete mit angrenzenden alpinen Matten.
Ronja Wildner
Was mich an Bären immer wieder fasziniert, sind ihre Fährten. Sie sind Sohlengänger. Wenn man den Abdruck eines Hinterfußes im Schlamm sieht, erinnert das extrem an den Fußabdruck eines nackten Menschen. Nur dass beim Bären vorne immer ganz deutlich die fünf langen, massiven Krallen sichtbar sind.
Falk Stein
Richtig. Und jetzt kommt das absolute biologische Meisterstück des Braunbären. Wir haben vorhin beim Rehwild über die Keimruhe gesprochen. Der Bär nutzt exakt das gleiche Prinzip! Die Paarungszeit, die wir Bärzeit nennen, findet mitten im Sommer statt, zwischen Mai und Juli.
Ronja Wildner
Genau! Aber die befruchtete Eizelle nistet sich erst zu Beginn der Winterruhe in der Gebärmutter ein. Dadurch dauert die gesamte Tragzeit stolze sieben bis acht Monate. Die Bärin bringt ihre ein bis drei Jungen dann im Januar oder Februar zur Welt. Mitten im Winter, tief geschützt in der Winterhöhle.
Falk Stein
Und diese Jungbären sind bei der Geburt winzig. Sie wiegen nur dreihundert bis fünfhundert Gramm! Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass die Mutter zweihundert Kilo wiegen kann. Während der Winterruhe, bei der die Körpertemperatur der Bärin übrigens nur leicht absinkt, säugt sie diese Winzlinge, bis sie im Frühjahr stark genug sind, die Höhle zu verlassen.
Ronja Wildner
In der Schweiz ist der Braunbär natürlich streng geschützt nach der Berner Konvention. Das Konzept Bär Schweiz regelt den Umgang mit ihm. Meist sind es ja abwandernde Jungbären, die als Einzelgänger riesige Strecken zurücklegen und dann bei uns auftauchen. Und dann unterscheidet man sehr genau, ob es ein unauffälliger Bär, ein Problembär oder ein Risikobär ist.
Falk Stein
Genau! Aber wir haben noch einen weiteren Vertreter der Bären bei uns. Genauer gesagt der Kleinbären. Und der bereitet uns ökologisch fast mehr Sorgen als sein riesiger Verwandter. Der Waschbär.
Ronja Wildner
Noch ein Neozoon! Der Waschbär stammt ja ursprünglich aus Nordamerika und ist oft aus Pelztierfarmen entwichen. Er wiegt nur vier bis neun Kilogramm, ist also eher in der Fuchsklasse unterwegs. Er hat ein ganz markantes Gesicht. Eine tiefschwarze Gesichtsmaske, die auf der Nase nicht unterbrochen ist. Und dieser buschige Schwanz mit seinen fünf bis sieben schwarzen Ringen.
Falk Stein
Auch der Waschbär ist ein Sohlengänger. Seine Fährte ist absolut unverwechselbar. Der Abdruck sieht aus wie eine winzige, feingliedrige menschliche Hand mit fünf langen, fingerartigen Zehen. Mit diesen Pfoten tastet er alles ab. Daher kommt auch sein Name. Er wäscht seine Nahrung nicht wirklich aus Reinlichkeit, sondern er befeuchtet sie im Wasser, weil das seinen Tastsinn an den Pfoten massiv erhöht.
Ronja Wildner
Ein faszinierendes Verhalten. Er ist dämmerungs- und nachtaktiv und ein begnadeter Kletterer. Er kann sogar kopfvoran Baumstämme hinabsteigen! Das macht ihn leider zu einer massiven Gefahr für unsere heimische Vogelwelt, besonders für Boden- und Höhlenbrüter, deren Gelege er plündert.
Falk Stein
Genau wie der Marderhund ist er ganzjährig jagdbar, da er eine invasive Art ist. Die Ranz findet im Februar und März statt. Er hat, anders als der Braunbär, keine Keimruhe. Nach neun Wochen Tragzeit kommen im April oder Mai drei bis fünf Welpen zur Welt. Auch er hält bei strengem Frost eine Winterruhe. Man darf diese Tiere nicht unterschätzen. Sie übertragen zudem den gefährlichen Waschbärspulwurm.
Ronja Wildner
Wir haben also eine enorme Bandbreite heute abgedeckt. Vom kleinen Waschbären, der mit winzigen Händen Eier stiehlt, über den anpassungsfähigen Fuchs und das strenge Matriarchat der Wölfe... bis hin zum gigantischen Braunbären, der seine winzigen Jungen in der Winterhöhle säugt. Allesamt Meister ihrer Nische.
Falk Stein
Eine perfekte Zusammenfassung, Ronja. Das Raubwild zeigt uns die ganze Härte, aber auch die Genialität der Evolution. Aber wir sind mit den Räubern unseres Waldes noch lange nicht am Ende. Es gibt da noch eine Gruppe, die biologisch extrem vielfältig ist – von den agilen Kletterkünstlern mit dem langen, wertvollen Balg bis hin zum massiven Erdbewohner.
Ronja Wildner
Du sprichst von den Marderartigen. Dem Stein- und Baummarder, dem flinken Hermelin und natürlich dem Dachs, unserem größten heimischen Vertreter dieser Familie.
Falk Stein
Ganz genau. In der nächsten Folge widmen wir uns ausschließlich diesen eleganten und oft heimlichen Jägern. Wir schauen uns an, was die Keimruhe beim Dachs bewirkt, warum das Hermelin im Winter die Farbe wechselt und wie man diese Spezialisten im Revier erkennt. Bis dahin wünschen wir euch gute Fährten und kräftiges Waidmannsheil zusammen.
Ronja Wildner
Waidmannsheil!
