Bruchzeichen der Biologie: Von Krucken, Kanten und Keratin
Vom schützenden Altholz hinauf in die kargen Gipfelregionen: In dieser Folge verlassen Falk und Ronja das Reich der Hirsche und widmen sich den wahren Überlebenskünstlern der Alpen, den Boviden. Während die Cerviden ihr Geweih jedes Jahr abwerfen, verfolgen Gämse, Steinbock und Mufflon eine völlig andere biologische Strategie: Den lebenslangen Kopfschmuck als lebendes Organ. Wir blicken tief in die Anatomie dieser faszinierenden Hornträger, klären die Unterschiede zwischen Krucken und Schnecken und besprechen die harten ökologischen Fakten. Von der Moderhinke bis zum aktuellen Reintroduktionsprojekt des Wisents im Kanton Solothurn. Eine Fachfolge über Anpassung, Biologie und die Verantwortung der Jagd im Hochgebirge. Waidmannsheil.
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Chapter 1
Bruchzeichen der Biologie: Von Krucken, Kanten und Keratin
Falk Stein
Ronja, denk an diesen Morgen im September, als wir im dichten Altholz standen und den ROTHIRSCH beobachteten. Wir sprachen darüber, wie viel Energie es ein Tier kostet, jedes Jahr ein komplettes GEWEIH aus dem Nichts aufzubauen. Heute lassen wir diese geschützten Einstände des Waldes hinter uns. Wir steigen höher, dorthin, wo der Wind unerbittlich über die Grate pfeift und der nackte Fels die einzige Konstante ist. Wir betreten das Reich der ÜBERLEBENSKÜNSTLER, die sich an Bedingungen angepasst haben, die für fast jede andere Art absolut tödlich wären.
Ronja Wildner
Vom Wald ins Hochgebirge. Das ist ein gewaltiger Wechsel der Lebensräume, Falk. Es ist fast so, als würde man eine Grenze überschreiten, hinter der die Natur noch ein Stück kompromissloser wird. Während wir uns letztes Mal mit den CERVIDEN beschäftigt haben – also den ABWERFERN, die ihr Geweih jedes Jahr im Zyklus der Hormone verlieren und neu bilden – stehen wir heute vor einer ganz anderen Strategie. Wir begegnen den HORNTRÄGERN, den BOVIDEN. GÄMSE, STEINBOCK, MUFFLON und WISENT. Tiere, die ihren Kopfschmuck als LEBENDES ORGAN betrachten, das sie ein Leben lang begleitet.
Falk Stein
Das ist der fundamentale Unterschied. Das Horn der BOVIDEN ist keine tote Knochensubstanz, die nach der Paarungszeit abfällt. Es wächst von der ersten Lebenswoche an bis zum Tod des Tieres stetig weiter. Wenn wir uns die Anatomie anschauen, sehen wir ein faszinierendes System. Im Inneren befindet sich der knöcherne HORNZAPFEN. Das ist ein massiver, durchbluteter und mit Nervenbahnen durchzogener Auswuchs des STIRNBEINS. Und über diesen Zapfen stülpt sich der hohle HORNSCHLAUCH aus KERATIN. Das ist im Grunde die gleiche Substanz wie unsere Fingernägel, nur eben in einer Dichte gepresst, die den massivsten Belastungen standhält. Da dieser Schlauch von der Basis her nachschiebt, wird die alte Substanz immer weiter nach oben gedrückt. Das Wachstum ist dabei ein direkter Spiegel der Umweltbedingungen. Im Sommer schiebt das Horn kräftig, im Winter, wenn die Nahrung knapp wird und die Energie für das Überleben gebraucht wird, stoppt der Prozess fast vollständig.
Ronja Wildner
Das erklärt auch, warum Verletzungen am Horn für diese Tiere so dramatisch sind. Ein abgebrochener HORNSCHLAUCH ist eine offene Wunde direkt am Kopf. Aber lass uns bei der Biologie bleiben, Falk. Diese Beständigkeit zeigt sich auch im Gebiss. Wir finden bei den HORNTRÄGERN im Dauergebiss exakt ZWEIUNDDREISSIG ZÄHNE. Im Oberkiefer suchst du Schneidezähne oder Eckzähne vergeblich. Da ist nur eine extrem harte, schwielige KAUPLATTE. Die BOVIDEN nutzen ihre unteren acht Schneidezähne, um Gräser, Kräuter und Flechten gegen diese Platte zu drücken und sie regelrecht abzurupfen. Insgesamt kommen wir so auf zwölf Backenzähne oben und zwölf unten, plus die acht Schneidezähne im Unterkiefer. Keine GRANDELN, keine Ausnahmen. Das ist hocheffizient, um selbst die kieselsäurehaltigen Gräser im Hochgebirge zu verwerten. Die Abnutzung der Zähne ist bei dieser harten Kost enorm, weshalb das Alter bei älteren Tieren oft auch am Schliff der MAHLZÄHNE erkennbar ist.
Falk Stein
Effizienz ist das richtige Wort. Und wenn wir über Kletterkünstler sprechen, dann kommen wir an der GAMS nicht vorbei. Es gibt kaum etwas Beeindruckenderes, als eine Gams im Steilhang zu beobachten. Wenn man durch das Spektiv schaut und sieht, wie ein starker Bock mit seinen fünfundvierzig Kilogramm durch eine fast senkrechte Wand turnt, dann wirkt das fast so, als würde die Schwerkraft für ihn nicht gelten. Ein ausgewachsener GAMSBOCK ist ein wahres Kraftpaket. Er bringt zwischen fünfundvierzig und teilweise sogar fünfzig Kilogramm auf die Waage, wenn die Äsung perfekt war. Die GEISSEN sind mit ihren fünfzehn bis fünfunddreißig Kilogramm zwar zierlicher, aber in Sachen Trittsicherheit stehen sie den Böcken in nichts nach. Das müssen sie auch, denn das Leben im Hochgebirge verzeiht keine Fehler. Ihre Hufe sind wie spezialisierte Kletterschuhe aufgebaut: ein harter SCHALENRAND für den Halt auf kleinsten Felsvorsprüngen und ein weicher, griffiger BALLEN in der Mitte für die Haftung auf glattem Stein.
Ronja Wildner
In der Fortpflanzung wird es im November und Dezember besonders intensiv. Die GAMSBRUNFT ist kein ruhiges Werben, es ist ein Drama im Steilhang. Die Böcke treiben sich gegenseitig über Kilometer hinweg, über Grate und durch steile Rinnen. Sie verlieren in dieser Zeit massiv an Körpergewicht, oft bis zu einem Viertel ihrer Masse. Nach sechsundzwanzig Wochen Tragzeit wird im Mai oder Juni meist ein einzelnes KITZ gesetzt. Ein Kitz wiegt bei der Geburt nur etwa zwei Kilogramm und muss innerhalb weniger Stunden lernen, der Mutter im extremen Gelände zu folgen. Es ist faszinierend zu sehen, wie sicher diese kleinen Tiere schon nach wenigen Tagen über die Felsen springen. Die MUTTER-KIND-BINDUNG ist extrem stark, und die Kitze bleiben das ganze Jahr über in der Nähe der Geiß, um von ihr die sichersten Pfade und die besten Äsplätze zu lernen.
Falk Stein
Und an den KRUCKEN, wie wir die Hörner der Gämse nennen, können wir ihre ganze Lebensgeschichte ablesen. Da das Hornwachstum im harten Bergwinter fast vollständig zum Stillstand kommt, bildet sich jedes Jahr eine markante Kerbe. Wir nennen den ersten tiefen Jahresring, der nach dem ersten Winter des Kitzes entsteht, den RESING. Er ist oft so deutlich ausgeprägt, dass er uns als klarer Orientierungspunkt dient. Von dort aus zählen wir die weiteren Ringe nach unten zur Basis. Und dann gibt es noch das BECHELN während der Brunft. Hinter den KRUCKEN liegen die sogenannten BRUNFTFEIGEN. Das sind Drüsen, die ein streng riechendes, pechschwarzes Sekret abgeben. Der Bock reibt dieses Sekret an Latschen oder Gräsern ab, um seine Anwesenheit zu signalisieren. Wenn im November der Wind am Grat dreht, nimmst du diesen wilden, animalischen Geruch sofort wahr. Es ist der Geruch der Wildnis, der kilometerweit getragen werden kann.
Ronja Wildner
So faszinierend die Gämsen sind, wir müssen auch über die Gefahren sprechen. Die GAMSBLINDHEIT ist ein Thema, das in den Beständen verheerend wirken kann. Es handelt sich um eine hochansteckende bakterielle Entzündung der Horn- und Bindehaut, ausgelöst durch MYKOPLASMEN. Die Übertragung erfolgt oft durch Fliegen oder direkten Kontakt an den Äsungsplätzen. Die Tiere erblinden oft vollständig, die Augen werden trüb und eitrig. In einem Gelände, das keine Fehler verzeiht, ist das ein sicheres Todesurteil. Sie verlieren die Orientierung, können keine Nahrung mehr finden und stürzen oft tödlich ab. In manchen Gebieten kann eine Epidemie achtzig Prozent des Bestandes vernichten. Es ist eine harte Realität der Natur, und wir müssen als Beobachter und Schützer genau hinschauen, um die Infektionsketten zu verstehen. Wenn sie gesund bleiben, können Gämsen übrigens bis zu zwanzig Jahre alt werden, wobei die Zähne oft der limitierende Faktor im hohen Alter sind.
Falk Stein
Das ist eine lange Zeit im Gebirge. Aber steigen wir noch eine Etage höher, Ronja. Dorthin, wo wirklich nur noch Stein und Eis regieren. Zum STEINBOCK. Es ist eine der größten Erfolgsgeschichten der Natur, dass wir diesen König der Alpen wieder bei uns haben. Er war in der Schweiz komplett ausgerottet, da man ihm im Volksglauben heilende Kräfte zusprach – vom Blut bis zum HERZKREUZL. Erst ab dem Jahr neunzehnhundertsechs begann die Wiederansiedlung, indem man Tiere aus Italien zurückholte. Heute haben wir wieder vitale Bestände, die wir streng bewirtschaften. Ein kapitaler STEINBOCK ist eine massive Erscheinung. Er bringt bis zu einhundert Kilogramm auf die Waage, während die GEISS mit maximal fünfzig Kilogramm deutlich leichter bleibt. Die Hörner der Böcke können über einen Meter lang werden. Aber Vorsicht bei der Beobachtung: Viele lassen sich von den dicken Wülsten an der Vorderseite täuschen.
Ronja Wildner
Du meinst die SCHMUCKKNOTEN. Diese Knoten sind variabel und hängen stark davon ab, wie gut das Tier im Futter stand. Ein Bock kann in einem sehr guten Sommer zwei dieser Knoten schieben, in einem schlechten nur einen. Deshalb sind sie für das exakte Alter unbrauchbar. Die echte, präzise Bestimmung machen wir über die feinen JAHRESRINGE auf der Rückseite des Horns. Das ist wie das Lesen eines Fingerabdrucks und funktioniert bei Bock und Geiß gleichermaßen zuverlässig. Die Brunft des Steinwilds ist eine weitere Besonderheit. Sie findet im tiefsten Winter statt, im Dezember und Januar. Während andere Arten Energie sparen, kämpfen die Böcke bei eisigen Temperaturen um die Gunst der Geißen. Das Knallen der zusammenstoßenden Hörner hört man dann weit durch die Täler. Nach einer Tragzeit von vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Wochen werden die Kitze dann im Juni gesetzt. Meist wird nur ein einzelnes Jungtier geboren, damit alle Ressourcen für dessen Überleben genutzt werden können.
Falk Stein
Das führt uns zum dritten im Bunde, dem MUFFLON.Ein Wildschaf, das ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt, von den Inseln Korsika und Sardinien. Es ist ein Herdentier par excellence. Ein WIDDER wiegt zwischen fünfunddreißig und fünfzig Kilogramm, das SCHAF etwa fünfundzwanzig bis fünfundvierzig. Ein wichtiger Punkt: Die Schafe sind bei uns meist komplett HORNLOS, was sie deutlich von Gams und Steinbock unterscheidet. Die Widder hingegen tragen die massiven, schneckenförmig eingedrehten Hörner. Diese nennen wir direkt SCHNECKEN. Diese wachsen nicht in einer Kurve nach oben, sondern drehen sich seitlich am Kopf vorbei. Im Winter zeigt der Widder zudem die SCHABRACKE, diesen hellen SATTELFLECK auf dem Rücken, der im dunklen Haar extrem auffällt. Die Tragzeit ist mit zweiundzwanzig Wochen die kürzeste in unserer Runde, was dazu führt, dass die Lämmer oft schon im April geboren werden – oft genau dann, wenn noch einmal ein später Wintereinbruch droht.
Ronja Wildner
Aber das Muffelwild zeigt uns auch, wie wichtig der richtige Boden ist. Wir müssen über die MODERHINKE sprechen. Das ist kein kleines Problem, sondern eine existenzielle Bedrohung. Es ist eine bakterielle KLAUENFÄULE. Mufflons brauchen harten, steinigen Boden, damit sich ihre extrem schnell wachsenden Schalen natürlich abnutzen. Wenn sie auf zu weichen oder feuchten Böden stehen, wie wir sie im Mittelland oft haben, weicht das Horn auf. Die Klauen wachsen unkontrolliert, biegen sich nach oben und es bilden sich Hohlräume. Bakterien dringen ein und verursachen eitrige Entzündungen, die bis zum Knochen gehen können. Die Tiere lahmen extrem, können nicht mehr flüchten und leiden furchtbar. Es zeigt uns, dass man Wildarten nicht einfach überall ansiedeln kann, nur weil sie schön aussehen. Der Lebensraum muss biologisch passen.
Falk Stein
Das bringt uns zu einer Art, die wir in der Schweiz fast nur noch aus den Geschichtsbüchern kennen und die heute Gegenstand eines ganz besonderen Experiments ist: das WISENT. Es ist wichtig zu verstehen, Ronja: Das Wisent kehrt aktuell nicht einfach natürlich zurück. In der Schweiz findet man es momentan nur in streng kontrollierten REINTRODUKTIONSPROJEKTEN, wie zum Beispiel im Kanton SOLOTHURN beim Projekt WISENT IM THAL. Dort prüft man in eingezäunten Arealen überhaupt erst einmal die Waldverträglichkeit dieses Giganten.
Ronja Wildner
Ein Gigant ist das richtige Wort. Ein Bulle – oder STIER, wie wir bei den Rindern sagen – kann bis zu NEUNHUNDERT KILOGRAMM wiegen. Selbst die Kühe bringen noch bis zu sechshundert Kilo auf die Waage. Und obwohl sie so massig wirken, sind es typische BOVIDEN. Beide Geschlechter tragen Hörner, die lebenslang wachsen und nicht abgeworfen werden. Diese sind nach innen und oben gebogen und bei den Stieren deutlich massiver ausgeprägt.
Falk Stein
Anatomisch passt das Wisent perfekt in unsere heutige Reihe. Als WIEDERKÄUER hat es exakt ZWEIUNDDREISSIG ZÄHNE. Im Oberkiefer finden wir auch hier keine Schneidezähne, sondern eine harte HORNPLATTE. Da sie als Mischäser einen hohen Anteil an Raufutter brauchen, nutzen sie dieses Gebiss auch, um im Winter Baumrinde – etwa von Eiche oder Hainbuche – zu fressen. Das ist auch einer der Gründe, warum man diese Versuchspopulationen so genau beobachtet: Man will wissen, wie der Wald auf diese ÖKOSYSTEM-INGENIEURE reagiert.
Ronja Wildner
Spannend ist auch ihr Sozialverhalten. Es sind klassische HERDENTIERE. Die Kühe und Jungtiere bilden Mutterherden unter der Führung einer erfahrenen LEITKUH, während die Stiere oft als Einzelgänger unterwegs sind. In der Schweiz sprechen wir hier von winzigen Beständen – vielleicht DREISSIG BIS FÜNFZIG TIERE in den Projekten. Sie sind streng geschützt und kein jagdbares Wild. Es geht hier rein um den Erhalt einer Art, die weltweit von nur zwölf GRÜNDERTIEREN abstammt.
Falk Stein
Das ist die Quintessenz unseres heutigen Ausflugs. Wir haben heute die Welt der DAUERTRÄGER durchschritten. Ob es die ZWEIUNDDREISSIG ZÄHNE sind, die fehlenden GRANDELN, der lebenslang wachsende HORNSCHLAUCH auf dem knöchernen Zapfen oder die spezifischen Herausforderungen wie die GAMSBLINDHEIT und die MODERHINKE – alles greift ineinander. Die Evolution hat hier Spezialisten hervorgebracht, die perfekt an das Leben über der Baumgrenze angepasst sind, solange wir Menschen ihre Lebensräume respektieren und schützen. Wir haben nun die Welt der BOVIDEN erfasst, von den grazilen KRUCKEN der Gams bis zu den massiven SCHNECKEN des Muffelwidders.
Ronja Wildner
Ein faszinierender Weg vom Wald bis zum Gipfel. Wir haben die ABWERFER und die DAUERTRÄGER nun im Kasten, Falk. Wir haben verstanden, wie unterschiedlich die Strategien sind, um im Jahresverlauf mit Ressourcen umzugehen. Aber ein ganz entscheidender Hauptdarsteller fehlt uns noch in der Riege des Schalenwilds. Ein Tier, das biologisch eine völlig eigene Rolle spielt, weder Geweih noch Horn trägt und jagdpraktisch eine riesige, oft auch wehrhafte Herausforderung ist.
Falk Stein
Oh ja. Die intelligentesten Überlebenskünstler von allen. Die SCHWARZKITTEL.
Ronja Wildner
Genau. Das SCHWARZWILD fehlt uns noch. Ein Tier, das uns in Sachen Anpassungsfähigkeit und Reproduktion oft einen Schritt voraus ist.
Falk Stein
Dann bereite dich gut vor. In der nächsten Folge steigen wir wieder hinab in den dichten Forst und schauen uns an, warum die Wildschweine die wahren Meister der Anpassung sind. Wir sprechen über die enorme REPRODUKTIONSRATE, die Sozialstruktur der ROTTEN und warum die BACHEN die Dynamik im Wald bestimmen. Es wird eine Folge voller Dynamik und biologischer Besonderheiten. Bis dahin: Waidmannsheil zusammen.
Ronja Wildner
Waidmannsheil!
