Bruchzeichen der Biologie: Das grosse Einmaleins der Cerviden
Ein kühler Morgen im Altholz, der Nebel hängt tief und plötzlich zerreißt das Röhren des Platzhirsches die Stille: In dieser Folge tauchen Falk und Ronja ein in die Welt der Cerviden. Unsere heimischen Geweihträger. Wir klären, warum der Rothirsch die „Magische 34“ besitzt , wie das Rehwild mit dem biologischen Wunderwerk der Keimruhe den Winter überlistet und warum der massive Elch als absoluter Gigant aus der Reihe tanzt. Von der physiologischen Meisterleistung des jährlichen Geweihbaus bis hin zu den Überlebensstrategien der Kitze im hohen Gras: Erfahren Sie alles über die Biologie, das Sozialverhalten und die jagdliche Bedeutung von Rotwild, Rehwild, Damhirsch und Sika. Eine unverzichtbare Folge für alle, die das Handwerk des Ansprechens und die ökologischen Zusammenhänge unserer Wälder besser verstehen wollen. Waidmannsheil!
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Chapter 1
Bruchzeichen der Biologie: Das grosse Einmaleins der Cerviden
Falk Stein
Ein kühler Septembermorgen im Revier. Der Nebel hängt noch SCHWER in den Wipfeln der Tannen.
Ronja Wildner
Und dann... zerreißt plötzlich dieses TIEFE, heisere Röhren die absolute Stille. Ein Geräusch, das einem durch Mark und Bein geht.
Falk Stein
Wer das einmal hautnah erlebt hat... wenn der Platzhirsch seinen Anspruch in die Nacht brüllt, der vergisst das sein Leben lang nicht. Das ist pure URGEWALT.
Ronja Wildner
Waidmannsheil zusammen. Wir nutzen diese Energie heute und tauchen tief ein in die Welt der Cerviden, die Geweihträger!
Falk Stein
Wir müssen diesen Begriff direkt am Anfang sauber abgrenzen. Cerviden sind Schalenwild, aber sie tragen eben ein Geweih aus massiver Knochensubstanz, das sie jedes Jahr KOMPLETT neu bilden und wieder abwerfen.
Ronja Wildner
Und genau das ist der große Unterschied zu den Hornträgern, den Boviden. Gämse oder Steinbock behalten ihren Kopfschmuck ein Leben lang. Er wächst einfach jedes Jahr ein Stückchen weiter.
Falk Stein
Beim Rothirsch gibt es für uns Jäger eine goldene Regel, wenn es um die Biologie geht. Die MAGISCHE Vierunddreißig.
Ronja Wildner
Genau die Vierunddreißig! Ein erwachsener Rothirsch hat exakt vierunddreißig Zähne im Dauergebiss. Und... als wäre die Natur ein Mathematiker, beträgt die Tragzeit beim Rotwild ebenfalls exakt vierunddreißig Wochen.
Falk Stein
Vierunddreißig Wochen. Das sind rund acht Monate. Wenn also die Brunft im September oder Oktober stattfindet, fällt die Setzzeit logischerweise in den Mai oder Juni. Die Hirschkuh setzt dann in der Regel meist ein Kalb.
Ronja Wildner
Dieses EINE Kalb wiegt bei der Geburt schon zwischen fünf und dreizehn Kilogramm. Das muss man sich mal bildlich vorstellen! Das ist das Gewicht eines mittelgroßen Hundes. Und wenn dieses Kalb dann heranwächst, gehen die Gewichte extrem auseinander. Ein ausgewachsener Rothirschstier kann bis zu ZWEIHUNDERT Kilogramm auf die Waage bringen. Die Kuh hingegen... stoppt bei maximal einhundert Kilogramm.
Falk Stein
Zweihundert Kilogramm für den Stier. Wenn du so einen massigen Hirsch bergen musst, weißt du am Abend, was du getan hast. Dieser enorme Größenunterschied zwischen den Geschlechtern ist wirklich MARKANT. Und wir haben in der Schweiz einen beachtlichen Bestand dieser Tiere. Wir sprechen hier von fünfunddreißigtausend bis vierzigtausend Stück Rotwild in unseren Lebensräumen.
Ronja Wildner
Vierzigtausend Tiere... Das ist eine gewaltige Population für ein Land unserer Größe. Davon werden jährlich etwa zehntausend bis elftausend Stück im Rahmen der Jagdstrecke erlegt. Das ist NOTWENDIG, um Verbiss und Waldschäden zu regulieren. Diese Tiere werden in freier Wildbahn zwischen zehn und fünfzehn Jahre alt.
Falk Stein
Zehn bis fünfzehn Jahre bedeuten auch zehn bis fünfzehn KOMPLETTE Geweihzyklen für den Stier. Das ist eine physiologische Meisterleistung! Der Hirsch wirft sein altes Geweih im Spätwinter ab — also meist im Februar oder März. Und dann beginnt SOFORT der Neubau. Dieses Schieben des neuen Geweihs dauert ziemlich genau einhundertzwanzig Tage.
Ronja Wildner
Einhundertzwanzig Tage für bis zu ZEHN Kilogramm massiven Knochen. Das bedeutet, der Hirsch produziert in der Hochphase fast einhundert Gramm Knochenmasse... PRO TAG. Im Juli oder August ist das Geweih dann fertig ausgebildet. Die durchblutete Basthaut stirbt ab und der Hirsch beginnt zu fegen. Er reibt den Bast an Bäumen und Sträuchern ab.
Falk Stein
Und genau dann, wenn er gefegt hat, ist er bereit für die Brunft im September. Optisch verändert sich das Rotwild im Jahreslauf übrigens auch EXTREM. Im Sommer tragen sie ein glattes, rotbraunes Haarkleid. Im Winter wechseln sie zu einer dichten, graubraunen Decke. Was aber immer bleibt, ist der deutlich hellere Spiegel am Hinterteil und der kurze dunkle Wedel.
Ronja Wildner
Vom größten heimischen Cerviden springen wir jetzt direkt zum KLEINSTEN — dem Rehwild. Und wenn der Hirsch die magische Vierunddreißig hat, dann hat das Rehwild die Zweiunddreißig-zu-Zweiundvierzig-Logik!
Falk Stein
Zweiunddreißig zu Zweiundvierzig? Du spielst auf das Gebiss und die Tragzeit an. Das Rehwild hat also zweiunddreißig Zähne — es fehlen oben die Grandeln, die Eckzähne, die der Hirsch noch hat. Aber... was hat es mit den zweiundvierzig Wochen Tragzeit auf sich? Das ist ja deutlich LÄNGER als beim viel größeren Rothirsch.
Ronja Wildner
Genau das ist das biologische Wunderwerk! Zweiundvierzig Wochen Tragzeit sind fast zehn Monate. Das Reh paart sich nämlich schon im Hochsommer, in der Blattzeit im Juli oder August. Würde das Kitz normal heranwachsen, käme es mitten im TIEFSTEN Winter zur Welt. Das wäre sein sicheres Todesurteil. Deshalb nutzt das Rehwild die sogenannte Keimruhe.
Falk Stein
Die Keimruhe ist eine absolute AUSNAHMEERSCHEINUNG unter unseren Schalenwildarten. Die Eizelle wird im Sommer befruchtet, teilt sich ein paar Mal und... stoppt dann die Entwicklung komplett. Sie nistet sich erst im Dezember in der Gebärmutter ein. Erst AB DANN beginnt das eigentliche embryonale Wachstum.
Ronja Wildner
Eine Pause von August bis Dezember. Das ist GENIAL! So wird sichergestellt, dass die Kitze im Mai oder Juni geboren werden, wenn die Natur die MEISTE Nahrung und die beste Deckung bietet. Und im Gegensatz zum Rothirsch, der meist ein Kalb setzt, bringt die Rehgeiß in der Regel zwei Kitze zur Welt.
Falk Stein
Zwei Kitze, die bei der Geburt WINZIG sind. Ein Kitz wiegt nur etwa ein Kilogramm, wächst dann aber bis zum Herbst auf sieben bis zehn Kilogramm heran. Ein ausgewachsener Rehbock wiegt bei uns maximal dreiundzwanzig Kilogramm, die Ricke oder Geiß knapp zwanzig Kilogramm. Das ist ein ZEHNTEL des Gewichts eines Rothirsches!
Ronja Wildner
Ein Zehntel des Gewichts, aber dafür gibt es UNZÄHLIGE davon. Wir schätzen den Gesamtbestand in der Schweiz auf über einhundertzwanzigtausend Tiere! Die jährliche Jagdstrecke liegt zwischen vierzigtausend und fünfundvierzigtausend Stück. Damit diese Kitze überhaupt groß werden, haben sie eine ganz spezielle Überlebensstrategie entwickelt: Den Drückinstinkt.
Falk Stein
Der Drückinstinkt ist jagdlich und landwirtschaftlich ein riesiges Thema. Die Kitze haben in den ersten Lebenswochen KEINEN Eigengeruch. Sie liegen tief gedrückt im hohen Gras, oft in Wiesen. Wenn Gefahr naht, flüchten sie nicht. Ihr Herzschlag verlangsamt sich... und sie pressen sich flach auf den Boden.
Ronja Wildner
Sie machen sich unsichtbar. Ihr geflecktes Sommerfell tarnt sie perfekt. Gegen den Fuchs oder den Luchs funktioniert das hervorragend. Gegen ein modernes Mähwerk eines Traktors leider überhaupt nicht. Deshalb ist die Rehkitzrettung mit Drohnen und Wärmebildkameras im Frühjahr so EXTREM wichtig.
Falk Stein
Absolut. Und auch das Sozialverhalten ändert sich beim Rehwild im Jahreslauf komplett. Im Sommer sind Rehe extrem TERRITORIAL. Jeder Bock verteidigt sein Revier aggressiv gegen Eindringlinge. Im Winter hingegen geben sie diese Territorialität auf.
Ronja Wildner
Sie bilden dann sogenannte Sprünge. Das sind Gruppen von zwei bis zehn Tieren, die gemeinsam den Winter verbringen. In der offenen Feldflur können diese Sprünge sogar noch deutlich größer werden. Sobald aber das Frühjahr naht, löst sich diese Gruppe wieder auf und die Böcke suchen sich wieder ihre eigenen Reviere.
Falk Stein
Wenn wir dieses Rehwild nun im Revier bejagen, stehen wir oft vor der Herausforderung der Altersbestimmung. Da gibt es einen ganz klaren Praxisanker am erlegten Stück. Wir schauen uns den Unterkiefer an... genauer gesagt den dritten Prämolar. Den sogenannten P3.
Ronja Wildner
Der P3 ist der Schlüssel. Wie genau erklärst du das einem Jungjäger, der zum ersten Mal einen Unterkiefer in der Hand hält? Worauf muss er achten?
Falk Stein
Man zählt die Zähne im Unterkiefer von vorne nach hinten. Die Schneidezähne lassen wir weg. Dann kommt die Lücke. Der dritte Zahn der Backenzahnreihe ist der P3. Bei einem jungen Reh, das noch sein Milchgebiss hat, ist dieser Zahn DREITEILIG. Er hat drei deutliche Höcker.
Ronja Wildner
Drei Höcker bedeuten also Milchzahn. Und wann GENAU fällt dieser Zahn aus?
Falk Stein
Dieser Wechsel passiert ungefähr im vierzehnten Lebensmonat. Das Milchgebiss fällt aus und der dauerhafte P3 schiebt sich durch. Und dieser neue, bleibende Zahn ist nur noch ZWEITEILIG. Er hat nur noch zwei Höcker. Wenn ich also einen Unterkiefer mit einem dreiteiligen P3 habe, weiß ich zu einhundert Prozent, dass dieses Stück jünger als vierzehn Monate ist. Es ist ein Jährling.
Ronja Wildner
Nur noch zweiteilig nach vierzehn Monaten... Das ist wirklich ein wasserdichtes Merkmal am erlegten Stück. Aber bevor wir schießen, müssen wir das Tier ja erst einmal LEBEND ansprechen. Und da schauen wir oft auf die Kehrseite — auf den Spiegel. Der leuchtet im Winterkleid STRAHLEND weiß.
Falk Stein
Genau. Und dieser Spiegel verrät uns sofort das Geschlecht, auch wenn der Bock sein Geweih abgeworfen hat. Beim Bock ist dieser weiße Fleck nierenförmig. Er wirkt etwas ovaler und breiter. Bei der Ricke oder Geiß ist der Spiegel herzförmig.
Ronja Wildner
Herzförmig wegen der sogenannten Schürze. Das ist ein Haarbüschel an den weiblichen Geschlechtsorganen, das nach unten zeigt und diese Herzform optisch erzeugt. Das wird auch oft Feigenblatt genannt. Und wo wir gerade beim Abwerfen des Geweihs waren: Der Geweihzyklus des Rehbocks ist komplett ANDERSHERUM als beim Rothirsch.
Falk Stein
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Der Hirsch wirft im Frühjahr ab. Der Rehbock wirft sein Geweih bereits im SPÄTEN Herbst ab, im Oktober oder November. Und dann schiebt er den GANZEN Winter über seinen neuen Kopfschmuck. Von Dezember bis April wächst es unter dem Bast heran, bevor er im März oder April fegt. Pünktlich zur Revierverteidigung im Mai.
Ronja Wildner
Dieses Knochenwachstum mitten im harten Winter ist ein enormer Kraftakt! Das Rehwild zieht in dieser nahrungsarmen Zeit den Kalk für das Geweihwachstum teilweise direkt aus dem eigenen SKELETT ab. Das zeigt auch, wie wichtig eine gute Ernährung ist. Und da unterscheidet sich das Reh stark vom Hirsch. Der Hirsch frisst als Mischäser auch grobes Gras und Heu. Das Reh ist ein Konzentratselektierer. Ein Nascher, der nur die nährstoffreichsten Knospen, Kräuter und Triebe sucht.
Falk Stein
Wir haben Rotwild und Rehwild detailliert besprochen. Aber es gibt bei uns noch andere Cerviden, die wir zumindest kennen müssen. Fangen wir mit dem Damhirsch an. Er ist deutlich kleiner als der Rothirsch und wiegt zwischen sechzig und einhundert Kilogramm.
Ronja Wildner
Sechzig bis einhundert Kilogramm. Das ist genau die MITTE zwischen Reh und Rotwild! Der Damhirsch ist optisch unverwechselbar wegen seines SCHAUFELgeweihs. Er bildet keine einzelnen Enden in der Krone wie der Rothirsch, sondern breite Knochenplatten. Seine Tragzeit beträgt zweiunddreißig Wochen und das Kalb kommt im Juni zur Welt.
Falk Stein
Sehr markant ist beim Damwild auch der Spiegel. Er ist weiß, hat aber einen deutlich abgesetzten SCHWARZEN Rand. Und der Schwanz — der Wedel — ist sehr lang. Wenn Damwild flüchtet, wippt dieser Wedel auffällig auf und ab. Das ist ein klares Erkennungszeichen auf weite Distanz.
Ronja Wildner
Dann haben wir noch den Sikahirsch. Ein Neozoon, ursprünglich aus Ostasien. Er ist noch etwas LEICHTER, fünfzig bis achtzig Kilogramm. Er hat eine Tragzeit von dreißig Wochen. Das Geweih des Sikahirsches ist eher schlicht und bildet NIEMALS eine Krone aus. Maximal acht Enden insgesamt.
Falk Stein
Der Sikahirsch hat einen ganz speziellen Brunftruf. Kein Röhren, sondern einen schrillen PFIFF. Das Problem beim Sikawild ist die genetische Nähe zum Rotwild. Die beiden Arten können sich KREUZEN. Diese Hybridisierung ist eine echte Gefahr für die Reinrassigkeit unserer heimischen Rotwildbestände.
Ronja Wildner
Eine Kreuzung zwischen Sika und Rotwild... Das zeigt, wie eng diese Cerviden verwandt sind. Zum Abschluss müssen wir noch den absoluten GIGANTEN erwähnen: Den ELCH.
Falk Stein
Ein ausgewachsener Elchbulle wiegt bis zu FÜNFHUNDERT Kilogramm. Die Kuh erreicht dreihundertfünfzig Kilogramm. Fünfhundert Kilo — das ist eine HALBE TONNE. Optisch ist der Elch unverwechselbar. Der große, überhängende Oberlippenbart, den wir Mösel nennen. Der lange Kinnbart und der massive Schulterhöcker.
Ronja Wildner
Fünfhundert Kilo und ein Schulterhöcker. Wenn man so einem Tier im Wald begegnet, bleibt einem der Atem stehen. Fassen wir unsere Cerviden zusammen. Der Rothirsch mit der Regel vierunddreißig. Das Rehwild mit der Keimruhe und dem dreiteiligen P3 vor dem vierzehnten Monat. Der Damhirsch mit den Schaufeln, der Sika mit dem Pfiff und der gigantische Elch.
Falk Stein
Das sind unsere Geweihträger. Schalenwild, das jedes Jahr seinen Knochenschmuck abwirft und neu aufbaut. In der nächsten Folge widmen wir uns dann der anderen großen Gruppe: Den Hornträgern, die ihren Kopfschmuck ein Leben lang tragen — den Boviden. Bis dahin wünschen wir euch gute Anblicke im Revier und kräftiges Waidmannsheil!
