Büchsenflüsterer

Wild auf Wissen

EducationWilderness

Listen

All Episodes

Bruchzeichen der Biologie: Von Gewaff, Rauschzeit und Rottenlogik

Dichte Brombeerschläge, feuchte Suhlen und der durchdringende Geruch von Maggi und Wildnis: In dieser Folge steigen Falk und Ronja hinab in die Einstände der wohl intelligentesten Wildart unserer Breiten, dem Schwarzwild. Wir blicken hinter den Mythos der „wehrhaften Sauen“ und analysieren die Biologie bis ins letzte Detail. Wir klären, warum das Schwarzwild das einzige vollständige Säugetiergebiss unter unserem Schalenwild besitzt, wie die Leitbache als unangefochtenes Oberhaupt das Überleben der gesamten Rotte sichert und warum die Fortpflanzung mit der Formel „3 Monate, 3 Wochen, 3 Tage“ eine biologische Meisterleistung darstellt. Die faszinierenden Sinne der Schwarzkittel, die Bedeutung des Gewaffs beim Keiler und die enormen ökologischen sowie jagdlichen Herausforderungen in der modernen Kulturlandschaft werden in dieser Episode thematisiert. Von der Trichinenuntersuchung bis hin zur hochsozialen Rottenstruktur – eine unverzichtbare Folge für alle, die das „Phantom des Waldes“ wirklich verstehen und waidgerecht bejagen wollen. Waidmannsheil!

This show was created with Jellypod, the AI Podcast Studio. Create your own podcast with Jellypod today.

Is this your podcast and want to remove this banner? Click here.


Chapter 1

Bruchzeichen der Biologie: Von Gewaff, Rauschzeit und Rottenlogik

Falk Stein

Wir sind zurück im Wald, Ronja. Wenn ich an unseren letzten Ausflug denke, an die felsigen Höhen des Steinbocks und der Gämse, dann ist dieser feuchte, dichte Laubwald hier unten ein absoluter Kontrast. Wir tauschen den nackten Fels gegen tiefen, aufgewühlten Boden.

Ronja Wildner

Vom Hochgebirge zurück in die Einstände des Mittellandes und der Täler! Wir haben die Cerviden und die Boviden intensiv besprochen. Aber jetzt fehlt uns noch das letzte Mitglied der Schalenwildfamilie. Ein Tier, das biologisch komplett aus der Reihe tanzt und uns jagdlich oft alles abverlangt. Das SCHWARZWILD.

Falk Stein

Genau dieses Schwarzwild ist eine Klasse für sich. Wildschweine sind in Sachen Anpassungsfähigkeit unübertroffen. Wir sprechen hier von der intelligentesten Wildart in unseren Breiten. Sie lernen extrem schnell, sie meiden bekannte Gefahren und passen sich unserer Anwesenheit perfekt an. Aber lass uns ganz systematisch bei der Biologie beginnen. Wir haben die Geschlechter und Altersklassen, die wir sauber trennen müssen. Den männlichen Keiler, die weibliche Bache, die Jungtiere im ersten Lebensjahr als Frischlinge und im zweiten Lebensjahr als Überläufer.

Ronja Wildner

Und diese Bezeichnungen spiegeln auch ganz unterschiedliche Gewichtsklassen wider. Ein ausgewachsener Keiler bringt zwischen sechzig und einhundert Kilogramm auf die Waage. Die Bache ist etwas leichter und liegt bei vierzig bis achtzig Kilogramm. Wenn man sich diese Tiere ansieht, fallen sofort der gedrungene Körper und der massige Kopf auf. Die borstige, dunkle Behaarung gibt ihnen diesen wehrhaften Ausdruck. Am Hinterteil sehen wir den kurzen Schwanz, den Pürzel, der oft mit einer kleinen Quaste endet.

Falk Stein

Beim Keiler kommt noch ein sehr markantes Erkennungszeichen hinzu, der PINSEL. Das ist ein deutliches Haarbüschel am Ausgang des männlichen Geschlechtsorgans unter dem Bauch. In Kombination mit dem massiven Vorderkörper ist das ein klares Zeichen beim Ansprechen. Aber das vielleicht faszinierendste anatomische Merkmal finden wir im Gebiss. Erinnerst du dich an die Zahnformeln unserer bisherigen Arten?

Ronja Wildner

Oh ja! Die Cerviden hatten mit den Grandeln vierunddreißig und die Boviden zweiunddreißig Zähne. Aber das Schwarzwild bricht auch hier alle Regeln. Sie haben ein VOLLSTÄNDIGES Säugetiergebiss mit genau VIERUNDVIERZIG ZÄHNEN. Ihnen fehlt absolut nichts. Sie haben Schneidezähne, Eckzähne und alle Backenzähne.

Falk Stein

Und diese Eckzähne sind es, die uns Jägern den größten Respekt abverlangen. Beim Keiler bilden sie das sogenannte Gewaff. Die oberen, nach oben gebogenen Eckzähne nennen wir Harder. Die unteren, noch viel längeren und extrem scharfen Eckzähne sind die Gewehre. Durch die ständige Reibung der Gewehre an den Haderern schleifen sie sich messerscharf. Das sind gefährliche Waffen. Bei der Bache sind diese Eckzähne deutlich kleiner ausgebildet. Wir nennen sie dann Haken.

Ronja Wildner

Dieses Gewaff macht das Schwarzwild enorm wehrhaft. Aber dieses Gebiss verrät uns auch viel über ihre Ernährung. Sie sind Omnivoren, also echte Allesfresser. Sie nehmen Eicheln, Bucheckern, Wurzeln und Getreide auf. Besonders Mais ist ein absoluter Magnet. Aber sie brauchen auch tierisches Eiweiß. Engerlinge, Schnecken, Mäuse und sogar Aas stehen auf ihrem Speiseplan.

Falk Stein

Um an diese Nahrung zu kommen, durchwühlen sie den Boden mit ihrem Rüssel. Wir nennen das Brechen. Im Wald ist dieses Brechen ökologisch enorm nützlich. Sie lockern den Boden auf, vertilgen unzählige Schadinsekten und bereiten ein perfektes Saatbett für neue Bäume. Aber in der Landwirtschaft ist dieses Verhalten ein riesiges Problem. Massive Wühlschäden auf Wiesen, Weiden und in landwirtschaftlichen Kulturen wie Kartoffeln oder Mais führen zu Konflikten.

Ronja Wildner

Diese Nahrungssuche findet heute fast unsichtbar statt. Ursprünglich war das Schwarzwild auch tagaktiv. Aber durch den stetigen Jagddruck und die menschliche Störung in den Wäldern sind sie heute fast ausschließlich Dämmerungsaktiv und Nachtaktiv geworden. Sie verlassen ihre sicheren Einstände erst im Schutz der Dunkelheit. Und sie orientieren sich dabei mit überragenden Sinnen.

Falk Stein

Absolut. Ihr Sehvermögen, das Äugen, ist eher schlecht entwickelt. Sie reagieren auf starke Kontraste und Bewegungen, aber nicht auf scharfe Details. Dafür ist ihr Gehör phänomenal. Und ihr Geruchssinn ist schlichtweg meisterhaft. Sie können Feinde auf unglaubliche Distanzen Winden. Wenn eine Rotte aus der Deckung zieht, wird der Wind immer extrem vorsichtig geprüft.

Ronja Wildner

Und wenn sie etwas bemerken, kommunizieren sie sofort. Es ist faszinierend, welche Laute sie von sich geben. Meistens hört man ein leises GRUNZEN oder SCHNAUFEN, wenn die Rotte vertraut nach Nahrung sucht. Bei Gefahr oder Schreck stößt die Leitbache ein kurzes, scharfes Wuff aus. Dann steht die ganze Rotte sofort starr. Und die Frischlinge KLAGEN extrem lautstark, wenn sie in Not geraten oder gefangen sind.

Falk Stein

Dieses Wuff der LEITBACHE bringt uns direkt zur Sozialstruktur. Das ist ein Punkt, den wir für eine waidgerechte Jagd perfekt verstehen müssen. Schwarzwild lebt in einem strengen Matriachat. Die ROTTEN werden immer von einer älteren, sehr erfahrenen Leitbache angeführt. Sie entscheidet, wann und wohin die Rotte zieht. Sie kennt die Gefahren, die besten Nahrungsgründe und sie synchronisiert sogar die Rauschzeit der anderen weiblichen Stücke in der Gruppe.

Ronja Wildner

Diese Leitbache ist das absolute Gehirn der Gruppe. Keiler hingegen haben eine ganz andere Lebensweise. Ab dem zweiten oder dritten Lebensjahr verlassen sie die mütterliche Rotte. Sie leben dann als reine EINZELGÄNGER oder schließen sich temporär in kleinen Junggesellengruppen zusammen. Sie stoßen erst zur RAUSCHZEIT wieder zu den Rotten, um sich fortzupflanzen.

Falk Stein

Die Rauschzeit fällt klassisch in die Monate November bis Januar. Aber das Schwarzwild ist unglaublich anpassungsfähig. Wenn das Nahrungsangebot extrem gut ist, etwa durch Mastjahre bei Eiche und Buche oder durch riesige Maiskulturen, können sie ganzjährig rauschen und Nachwuchs produzieren. Die Tragzeit ist in der Jägersprache ganz leicht zu merken. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage. Das entspricht etwa einhundertfünfzehn bis einhundertzwanzig Tagen.

Ronja Wildner

Die SETZZEIT liegt dann folglich meist im Zeitraum von März bis Mai. Eine gut genährte Bache setzt dann vier bis acht FRISCHLINGE in einen weich ausgepolsterten Wurfkessel. Diese Frischlinge haben noch dieses typische, hell längsgestreifte Haarkleid, das sie auf dem Waldboden perfekt tarnt. Und hier greift eines der wichtigsten Gesetze unserer Jagd überhaupt. Der absolute MUTTERTIERSCHUTZ.

Falk Stein

FÜHRENDE BACHEN, also Bachen, die von abhängigen Frischlingen begleitet werden, sind streng geschützt. Ein Abschuss einer solchen Bache ist nicht nur ein schwerer juristischer Verstoß, es ist auch ethisch völlig inakzeptabel. Die Frischlinge würden ohne ihre Mutter kläglich verhungern oder erfrieren. Zudem würde der Verlust der Leitbache die Sozialstruktur der Rotte komplett zerstören. Die restlichen Stücke würden sich unkontrolliert ausbreiten und vermehren.

Ronja Wildner

Die Vermehrungsrate ist ohnehin gewaltig. Der Bestand in der Schweiz steigt stark an. Wir schätzen, dass weit über dreißigtausend Tiere bei uns leben, auch wenn sie in den dichten Wäldern extrem schwer zu erfassen sind. Sie besiedeln den gesamten Raum unterhalb der Waldgrenze, vom Jura über das Mittelland bis in die tieferen Alpentäler. Sie bevorzugen feuchte Laubwälder mit viel Deckung, rücken aber auch immer häufiger sehr nah an unsere Siedlungen und Städte heran.

Falk Stein

Deshalb müssen wir regulierend eingreifen. Die jährliche JAGDSTRECKE in der Schweiz liegt mittlerweile zwischen achttausend und zwölftausend Tieren. Die Jagd auf Schwarzwild ist anspruchsvoll. Wir bejagen sie klassisch auf der Ansitzjagd oder der Pirschjagd, oft angewiesen auf hellen Mondschein oder Schnee, um sie in der Nacht überhaupt sicher ansprechen zu können. Im Herbst und Winter sind dann revierübergreifende Drückjagden das wichtigste Mittel, um Strecke zu machen und die Bestände effizient zu regulieren.

Ronja Wildner

Und wir tun das nicht nur zur Schadensabwehr. Das Wildbret vom Schwarzwild ist extrem hochwertig. Es ist saftig, geschmacksintensiv und in der Küche unglaublich vielseitig verwendbar. Ein guter Keiler bringt fünfzig bis neunzig Kilogramm Wildbret, eine Bache fünfunddreißig bis fünfundsechzig Kilogramm. Selbst ein starker Überläufer mit fünfundvierzig Kilogramm liefert eine hervorragende Menge an Fleisch. Aber wir haben in der Schweiz eine absolute Pflicht, bevor dieses Fleisch in den Handel oder auf den Teller darf.

Falk Stein

Ganz genau. Die Trichinenuntersuchung. Da das Schwarzwild tierisches Eiweiß und auch Aas frisst, können sie sich mit Trichinen infizieren. Das sind winzige Fadenwürmer, die sich in der Muskulatur festsetzen. Für den Menschen kann der Verzehr von infiziertem, unzureichend erhitztem Fleisch extrem gefährlich werden. Deshalb ist eine amtliche Untersuchung jeder erlegten Wildsau gesetzlich zwingend vorgeschrieben.

Ronja Wildner

Gesundheit ist ein großes Thema. Wir dürfen in diesem Zusammenhang die AFRIKANISCHE SCHWEINEPEST, kurz ASP, nicht unerwähnt lassen. Das ist eine virale, für Schweine meist tödlich verlaufende Seuche. Sie ist für den Menschen zwar völlig ungefährlich, aber für Wildschweine und landwirtschaftliche Hausschweine eine absolute Katastrophe. Das Monitoring und die Früherkennung haben in der Schweiz derzeit allerhöchste Priorität.

Falk Stein

Wir haben es hier also mit einer Wildart zu tun, die durch ihre Intelligenz, ihre omnivore Ernährung und ihre gewaltige Reproduktionsrate extrem erfolgreich ist. Vom Gebiss mit seinen vierundvierzig Zähnen und dem gefährlichen Gewaff über das komplexe Matriarchat bis hin zu den jagdlichen Herausforderungen in tiefster Nacht. Das Schwarzwild verlangt uns Jägern alles ab.

Ronja Wildner

Eine wirklich beeindruckende Wildart. Wir haben damit unsere großen Gruppen des Schalenwilds komplett. Die Abwerfer, die Dauerträger und nun unser vielseitiges Schwarzwild. Aber unsere heimischen Wälder verbergen noch ganz andere Jäger, die geräuschlos durch das Unterholz streifen. Tiere, die nicht brechen oder äsen, sondern jagen.

Falk Stein

Richtig. Wir wechseln die Perspektive. Von den Gejagten zu den Jägern. In unserer nächsten Folge widmen wir uns dem RAUBWILD. Wir sprechen über die faszinierenden Strategien von Rotfuchs, Dachs und unseren heimischen Mardern. Es wird spannend, wie diese Beutegreifer ihr Überleben sichern. Bis dahin wünschen wir euch guten Anblick und kräftiges Waidmannsheil zusammen.

Ronja Wildner

Waidmannsheil!